Demenz: Leben in einer anderen Welt
Im DRK-Altenzentrum Roderbruch werden die Kranken intensiv betreut
Hannover, 6. Dezember 2007
(28/2007)
Es fängt an mit Vergesslichkeiten: der Schlüssel, die Handtasche, der Termin beim Frisör. Am Ende steht der geistige Verfall. In Deutschland leiden ungefähr eine Million Menschen an Demenz, zwei Drittel davon an Alzheimer. 30 Prozent leben in einer stationären Altenpflegeeinrichtung. Mit der zukünftig höheren Lebenserwartung wird auch die Zahl Demenzkranker steigen. 2030 wird das Krankheitsbild voraussichtlich zwei Millionen betreffen. Es erfordert eine intensive Betreuung mit hohem Zeitaufwand und viel Einfühlungsvermögen.
Das DRK-Altenzentrum Roderbruch beschäftigt neben den Altenpflegekräften eigens eine Sozialpädagogin. Stefanie Eiffert kümmert sich ausschließlich um die dementen Menschen, die im Erdgeschoss in einem besonderen Wohnbereich leben. Es sind 12 bis 15 Senioren.
Der Krankheitsverlauf
Im Anfangstadium, wenn sie noch zu Hause leben, merken sie mit der Zeit, dass irgendetwas mit ihnen nicht stimmt. Dass sie viel vergessen und durcheinander bringen. Dann versuchen sie es vor ihren Angehörigen und Bekannten zu verbergen. Denen fällt es oft erst auf, wenn sie zum Beispiel den Wohnungsschlüssel im Kühlschrank finden, erklärt Stefanie Eiffert. Ins Altenpflegeheim kommen sie meist erst, wenn die Krankheit fortgeschritten ist. Bei den Bewohner/-innen des Dementenbereichs ist bereits die Krankheitsstufe zwei oder drei erreicht. Manche können sich noch mitteilen und verständlich kommunizieren. Aber es dreht sich immer wieder um dieselbe Sache, wie eine Endlosschleife im Kopf. Ruth M. fragt immer wieder: Wo bin ich hier denn eigentlich? Wo wohne ich denn? Beruhigend geht die Sozialpädagogin auf sie ein, erklärt, dass Ruth M. hier ein Zimmer hat und dass ihre Tochter sie regelmäßig besuchen kommt. Diese Szene spielt sich oft zehnmal in der Stunde so oder so ähnlich ab, jeden Tag. Andere Demenzpatientinnen wie Emmi F. können nur Laute und Silben wiederholen, ohne Sinn und unverständlich. Die Sprache ist gänzlich zerfallen. Dennoch geht Stefanie Eiffert auf sie ein. Erspürt anhand von Mimik und Gestik die Emotionen, redet mit ihr, besänftigt und streichelt sie. Wieder andere sprechen gar nicht mehr, wie Gerda M., die stumm in ihrem Rollstuhl sitzt.
Nach weiteren fünf bis acht Jahren hat die Krankheit dann ihr Endstadium erreicht und die Bewohner/-innen sind bettlägerig, sie sprechen nicht mehr. Auch andere Körperfunktionen setzen aus, sie können nicht mehr essen, bis hin zum Tod.
Kontinuität, Routine und Beschäftigungstherapie
Solange dieses Stadium noch nicht erreicht ist, hat die Beschäftigungstherapie entscheidende Bedeutung für das Wohlbefinden und die Verzögerung des Krankheitsverlaufs. Wichtig ist Kontinuität. Ich habe einen genauen Stundenplan für jeden Tag aufgestellt, nach dem täglich dieselben Rituale stattfinden. Das hilft Demenzpatienten, sich zu orientieren und beruhigt sie, betont die Pädagogin. Der Morgen beginnt mit einer gemeinsamen Frühstückrunde, bei der alle mithelfen den Tisch zu decken. Das dauere dann immer recht lange. Aber es ist wichtig, Demente in Alltagstätigkeiten einzubeziehen, um diese Fertigkeiten so lange wie möglich zu erhalten. Nach dem Frühstück folgt immer die Zeitungsrunde, in der Stefanie Eiffert vorliest. Dann singt sie mit den Senioren, meistens Volkslieder. Die sind seit der Kindheit im Langzeitgedächtnis tief verwurzelt, so dass viele Demenzkranke sie noch vollständig mitsingen können. Später macht sie Bewegungsspiele zum Beispiel mit Schwungtüchern. Auch dabei ist es wichtig, immer wieder die gleichen Übungen durchzuführen. Regelmäßig holt sie das Mensch-Ärgere-Nicht-Spiel hervor, das sie mit den Bewohner/-innen gebastelt hat. Oder sie bietet die Themenkiste an, lässt die Senioren hineingreifen und unterschiedliche Werkzeuge, Schreibutensilien, Haushaltsgegenstände darin erspüren. Wichtig ist, bei allem eine positive Rückmeldung und Bestätigung zu geben und nicht auf Negatives einzugehen. Demente Menschen sind oft aggressiv. Wenn sie zu uns in den Wohnbereich kommen und bei der Beschäftigungstherapie mitmachen, legt sich das binnen kürzester Zeit, sagt Eiffert. Alles, was die gewohnte Routine durchbricht, sollte nicht zu lange dauern und nicht zu häufig stattfinden. Manchmal kommt Ulrich Langnickel mit seinen Kaninchen zu Besuch und bringt Möhren und Grünzeug zum Füttern mit. Aber nicht zu häufig und nicht länger als eine Stunde. Das würde die Senioren überfordern.
Validation und Biografiearbeit
Die gelernte Sozialpädagogin Stefanie Eiffert hat zwei Jahre Gerontopsychiatrie studiert. Bei der Betreuung Dementer wendet sie die Methode der Validation an. Das heißt: Den Menschen da abholen, wo er steht. Sich in seine Gefühle hineinversetzen, sie spiegeln und ihn aus seiner Gedankenwelt behutsam in die Gegenwart hinüberholen. Ohne Verweise und ohne ihn auf seine Defizite oder Irrtümer aufmerksam zu machen. Das würde den Demenzkranken nur frustrieren oder Aggressionen hervorrufen. In fortgeschrittenem Stadium kann er kausale Zusammenhänge nicht mehr nachvollziehen, ihm bleibt nur noch die emotionale Ebene, um auf Erlebnisse und Erfahrungen zu reagieren. Um die Gefühlswelt des Erkrankten zu verstehen, ist es wichtig, so viel wie möglich von seiner Biografie zu erfahren. Stefanie Eiffert berichtet von einer Patientin, die gar nicht mehr sprach. Über Angehörige hat sie irgendwann erfahren, dass sie in ihrer Jugend gern getischlert hat. Dann hat sie ihr Holz und eine Feile besorgt und die Patientin hat voller Begeisterung damit gearbeitet.
Wortfetzen zu verstehen und Informationen über die Vergangenheit der Patienten zu erfahren, ist umso schwieriger, je weniger sie der deutschen Sprache jemals mächtig waren. Ewdonia D. kommt aus der Ukraine. Sie ist sehr aufgeregt, ruhelos, ununterbrochen in Bewegung. Sie redet viel, aber für ihre unmittelbare Umgebung unverständlich. Mit ängstlichem Gesichtsausdruck faltet sie immer wieder die Hände. Stefanie Eiffert nimmt sie bei der Hand, streichelt und beruhigt sie, hält sie im Arm und spricht beruhigend, bis die kranke Frau aus der Ukraine wieder zur Ruhe kommt.
Im DRK-Altenzentrum Roderbruch gibt es Infoveranstaltungen für Angehörige, auf denen über den Krankheitsverlauf und die Pflege Demenzerkrankter aufgeklärt wird.
Um Mitarbeiter/-innen von Pflegeheimen und Ambulanten Pflegediensten über das Krankheitsbild Demenz zu informieren und sie im adäquaten Umgang mit Dementen zu schulen bzw. ihr Wissen zu vertiefen, bietet der Landesverband regelmäßig Fortbildungen an,. Validation und Betreuung von Demenzkranken. Sie richten sowohl an Pflegemitarbeiter als auch an hauswirtschaftliche Kräfte. Denn sie sind ebenfalls im direkten Kontakt zu den Bewohner/-innen und Patienten.
Die DRK-Altenpflegeschule Braunschweig bietet 2008 eine umfassende Weiterbildung für Pflegefachkräfte zur Gerontopsychiatrischen Fachkraft an.
Text: Kerstin Hiller
Kontakt für Fortbildungen: Brunhilde Brandes, Referentin für ambulante und stationäre Altenhilfe, Tel. 0511 28000 - 310, brunhilde.brandes@drklvnds.de
Kontakt DRK-Altenzentrum Roderbruch: Warburghof 3-5, 30627 Hannover, Tel. 0511 5607 - 0, E-Mail: info@roderbruch.drk-nds.de

